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"Wozu Achtsamkeit"

Mein geschätzer Kollege Claude Mannewitz hat sehr treffend aufgeschrieben, warum es sich lohnt, Achtsamkeit im Leben zu kultivieren. Lesen Sie selbst!

Wozu Achtsamkeit?
Tagesablauf eines Menschen, der sich genau das fragt.

1) Nach dem Frühstück merkt er, dass er sein Frühstück eigentlich verpasst hat – er hat den Kaffeeduft nicht wirklich wahrgenommen, das Knäckebrot nicht knacken gehört und seine Zunge hat die Butter nicht wirklich gekostet.
Achtsamkeit schenkt den Genuss an den kleinen Dingen und ihre Wertschätzung.

2) Im Treppenhaus nervt ihn eine flotte Bemerkung der Nachbarin, und er reagiert gereizt und aggressiv, was er später bereut.
Achtsamkeit erkennt die Lücke zwischen Reiz und Reaktion und schafft damit den Raum, sich für eine sinnvolle Reaktion zu entscheiden.

3) Bei der Arbeitsstelle angekommen, fällt es ihm schwer, sich auf seine Tätigkeit zu konzentrieren, er fühlt sich fahrig und verspannt.
Achtsamkeit hilft, sich auf eine Tätigkeit zu fokussieren. Zufriedenheit und Ausgeglichenheit sind die Folge.

4) Die hysterische Art eines Kollegen erfüllt ihn mit heimlicher Aversion und Missgunst.
Achtsamkeit hilft, die eigenen Emotionen besser kennen zu lernen und damit auch die der anderen, was die Basis für Einfühlsamkeit und Empathie ist.

5) In der Kaffeepause zieht er sich allein zurück, um zu entspannen, aber in seinem Kopf schwirren die Gedankenfetzen chaotisch herum und lassen keine Erholung zu.
Achtsamkeit ermöglicht, die Aufmerksamkeit zu steuern und kann somit tiefe Entspannung und echte Erholung schenken.

6) Nach der Pause erdrückt ihn der Gedanke an sein Arbeitspensum. Schweißausbrüche und gehetzte, angespannte Bewegungen zeigen allen: er ist im Stress.
Achtsamkeit öffnet das Gewahrsein für die Signale des Körpers und gibt so die Möglichkeit, auch in belastenden Momenten eine ruhige und entspannte Haltung einzunehmen. Dann lässt sich leichter unterscheiden zwischen wirklich dringenden und weniger eilenden Tätigkeiten.

7) Inzwischen hat ihn auch die vertraute Versagensangst fest im Griff und quält ihn mit dem Gefühl, nicht gut genug zu sein.
Achtsamkeit macht eigene Gedankenstrukturen und wiederkehrende Bewertungsmuster transparent. An ihre Stelle treten eine realistischere Einschätzung und eine wohlwollendere Haltung sich selbst gegenüber.

8) Ein überraschender Anruf eines Freundes konfrontiert ihn mit dessen Leiden. Er kann sich kaum auf dessen Sorgen einstellen und liest gleichzeitig ein paar E-Mails.
Achtsamkeit erzeugt Wachheit und Präsenz im Umgang mit anderen Menschen.

9) Inzwischen wird ihm klar, dass er sich bald entscheiden muss, ob er zu seiner Freundin ziehen will. Aber die widerstreitenden Motive in seinem Gehirn verwirren und lähmen ihn.
Achtsamkeit hilft, die eigenen Gefühle genauer zu erkennen und sich somit Rechenschaft über die eigenen Motive zu geben. Damit können Entscheidungen auf einer klaren Basis getroffen werden.

10) Bei der Heimfahrt muss er lange auf die Bahn warten. Er verliert sich in Tagträumen und Grübeleien und schaut zwischendurch auf sinnlose Werbesequenzen auf einem Bildschirm.
Achtsamkeit kann das Glück des einfachen Daseins vermitteln. Warten ohne die Lücke füllen zu müssen. Atmen und Staunen.

11) Zu Hause überfällt ihn das Bedürfnis, massenweise Süßigkeiten zu verschlingen.
Achtsamkeit erkennt sofort dieses Bedürfnis und erzeugt eine Zäsur, in der eine echte Entscheidung gefällt werden kann. Sie kann zum Verzicht führen und damit zum Abendteuer, dem Verlangen unerschrocken in die Augen zu sehen. Oder zum genussvollen Schokolade-Essen.

12) Ein Schmerz in der Schulter erfüllt ihn mit Ärger und ihm fällt auf, dass dieser Schmerz schon den ganzen Tag über andauerte, er ihn aber nicht richtig bemerkt hat.
Achtsamkeit verfeinert die Wahrnehmung des Körpers und fördert ein inniges und wohlwollendes Verhältnis zum eigenen Leib.

13) Beim Verfassen eines sehr persönlichen Briefes versagt ihm die Kreativität ihnen Dienst und er sucht vergeblich nach passenden Worten.
Achtsamkeit taucht in die Stille des Geistes ein und öffnet die Wahrnehmung für aus dem Unbewussten aufsteigende Intuition.

14) Abends überkommt ihn ein Gefühl von Sinnlosigkeit und Traurigkeit.
Achtsamkeit führt zu tiefer Einsicht in die Natur der Dinge, ihre Verwobenheit und Vergänglichkeit, aber auch in die Schönheit und Einzigartigkeit des Lebens. Diese Einsicht geht über das rationale Verständnis der Dinge hinaus, greift tief in unseren emotionalen Haushalt ein und verändert grundlegend unsere Einstellung zu unseren Erfahrungen.

Verfasser: Claude Mannewitz / Berlin

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